HIER // EIN BUCHPROJEKT VON ULRIKE BRÜCKNER
UND HELGA KURZCHALIA //
MIT FOTOS VON ANGELIKA BARZ
ERSCHIENEN 2007 BEI: VEENMANPUBLISHERS, NL
AUSGEZEICHNET MIT DEM RED DOT AWARD 2007
HIER // Buchprojekt
Idee / Konzept: Ulrike Brückner, Helga Kurzchalia Fotos: Angelika Barz Texte: Helga Kurzchalia
Grafikdesign: Ulrike Brückner
HIER kostet 38,00 Euro und ist im Juni 2007 bei Veenman Publishers, Rotterdam, NL erschienen.
Projektbeschreibung
Was trennt, was verbindet? Was wird als fremd, was als eigen erlebt? Mit welchen Erwartungen betreten Deutsche das „neue“ Europa? Helga Kurzchalia, Ulrike Brückner und Angelika Barz reisten zwischen 2001 und 2004 einmal um Deutschland. Sie besuchten die Grenze zu allen Nachbarländern, die ehemalige deutsch-deutsche Grenze inbegriffen. HIER ist ein Buch, das mit einem Augenzwinkern von Deutschland und seinen Nachbarn, von den unterschiedlichen Spielarten deutscher Identität erzählt.
Die Autorin hat mit Arbeitslosen, Geschäftsleuten, Künstlern, Arbeitern und Angestellten gesprochen. Manche Gesprächspartner leben seit Generationen am Ort, andere sind als Flüchtlinge oder Wissenschaftler nach Deutschland gekommen. Die jüngste Gesprächspartnerin war zwölf, die Älteste 78 Jahre alt.
Auch sechs Berliner geben Auskunft, wie sie die Grenze zum Osten erlebt haben und wie sie die Stadt heute sehen. Für Clemens lag Berlin früher kurz vor Polen und Polen war weiß der Himmel wo. Hikmet erinnert sich an das Kind, das die Grenzer aus dem Osten in der Spree ertrinken ließen. Ronny erzählt, dass seine Mutter in den Achtzigern von Sozialhilfe lebte und ihre Kinder – mit schwarz umgetauschtem Geld – drüben, in Ostberlin, ins Restaurant ausführte. Die Friseuse Edda fühlte sich durch die Westberliner Studentenunruhen stärker behindert als durch die Mauer zu Ostberlin, und Oberin Brigitte spricht immer ein Lob- und Dankgebet, wenn sie an den Berliner Mauerfall denkt.
Für die Fotografin, die seit 15 Jahren in den Niederlanden lebt, waren die Reisen nach Deutschland eine Wiederannäherung. Wie richten sich Menschen in ihrer Umgebung ein? Wo fühlen sie sich heimisch? Entstanden sind Porträts der Bewohner, Fotos von Wohnungseinrichtungen sowie Außenaufnahmen von Häusern, Straßen, Grenzlandschaften. Der Blick der Fotografin ist distanziert und behutsam, ihre Bilder sind klar und ruhig.
Das Design unterstreicht die scheinbare Objektivität in den Texten und den Fotos. In seiner betonten Sachlichkeit spielt es mit deutscher Ordnungsliebe und erinnert mit subtilem Humor an Dokumente und Formulare.
Durch das Buch zieht sich ein breiter Streifen als Verweis auf die Grenze. Entstanden ist ein streng geordnetes Zeitarchiv mit 246 Fotos, 44 Geschichten, mit Fundstücken, Zitaten und 20 Stickern mit deutschen Einrichtungsgegenständen (+1 Hund).
Für die hohe Designqualität des Buches ist die Grafikerin Ulrike Brückner mit dem red dot award: communication design 2007 ausgezeichnet worden. Eingereicht wurden insgesamt 3880 Arbeiten aus 34 Ländern.
Pressestimmen
Ein abschließendes Buch darüber zu schreiben, wer die Deutschen sind, dürfte schier unmöglich sein. Ihre Lebenswelt mit Gesprächsprotokollen und Fotos zu archivieren, ist dagegen machbar. Drei Frauen haben eine wundervoll experimentelle Akte über die Deutschen angelegt.
Spiegel online (09/2007)
So ermöglicht der Band einen sehr persönlichen Einblick in deutsche Befindlichkeiten und bleibt doch gestalterisch angenehm sachlich. Schließlich ist Ordnungsliebe ein sehr deutscher Wesenszug, wenn auch nicht der einzig prägende, wie HIER zeigt.
Novum (10/07)
Das ordnungsverliebte Konzept der Publikation ist mehr als eine witzige Anspielung auf angeblich deutsche Eigenschaften. Es hilft, nicht in die Falle verallgemeinernder Deutschlandklischees zu tappen, sondern wirklich gründlich hinzuschauen und Feinheiten herauszuarbeiten, sowohl auf Seiten der Macher als auch der Betrachter.
Page (08/2007)
Aus Gesprächen wurden Texte, die sich mit den Porträts der Bewohner, den Fotos der Wohnungen und der durchreisten Landschaft zum Abbild des stillen Alltags vereinen, der nicht, wie sonst üblich, hinter den Schlagzeilen verschwindet.
Berliner Zeitung (7/07)
Das Merkwürdigste an diesem Buch, das mit 246 Fotos und 44 Geschichten Deutschland beschreibt, ist, dass ein holländischer Verlag es herausbringt. Hierzulande veröffentlicht man doch lieber Tagebücher oder Roger Willemsens Deutschlandreisen.
Bremer Stadtanzeiger (10/07)
Statt fotogene Sehenswürdigkeiten und herausgeputzte Innenstädte abzulichten, ging Fotografin Angelika Barz einfach drei Straßen weiter und fand dort das deutsche Alltagsgesicht.
Sonntag Aktuell (10/07)
Geschichte wird in Geschichten erzählt, die mitunter so widersprüchlich sind, wie die Verhältnisse, die sie beschreiben.
Berliner Akzente (7/8/9/2007)
Buchpräsentationen
Juni 2007
Jüdisches Museum Berlin (Eröffnung: Cilly Kugelmann, Lesung: Florian Lukas).
Januar 2008
Deutsches Nationaltheater Weimar (in Kooperation mit dem Goethe Institut).
Mai 2008
Goethe Institut in Freiburg.
Juni 2008
Goethe Zentrum in Sibiu und Iasi, Rumänien.
Juli 2008
Teilnahme an der Buch-Cover-Ausstellung "Gateways" (Serralves Foundation, Silo Espaco Cultural) in Porto, Portugal.
Oktober 2008
Vortrag und Buchvorstellung zum Thema "Heimat" im Rahmen des "Dimension of Heimat", Designkongress Sachsen Anhalt, am Bauhaus Dessau.
Januar 2009
BuchHaus Loschwitz, Dresden "Buchhandlung des Jahres 2008".
13.02.2003/Hannelore (78) Rentnerin
/ Hannelores Mann geht häufig über die Grenze nach Tschechien und tankt in Asch. Sie selbst fährt nicht so gern mit. Hinter der Grenze liegt ihre alte Heimat. Hannelore stammt aus Saaz im Egerland. Mit 14 hat sie dort den „Anschluss“ erlebt. 1938 fiel die Grenze zu Deutschland weg, doch in der Schule wurde trotzdem noch dreimal in der Woche Tschechisch unterrichtet. „Als der Krieg zu Ende war, steckten sie uns ins konzentrierte Lager in Saaz.“ Dort blieb sie von Mai '45 bis Januar '46. Die Zeit im Lager sei kein Vergnügen gewesen. Die Russen hätten viele Frauen vergewaltigt. Ihr persönlich sei nichts passiert, doch richtig in Sicherheit hätte sie sich erst gefühlt, als sie nach der Haftentlassung in die westliche Besatzungszone kam.
Nach dem Krieg lernte Hannelore ihren Mann kennen, der als Soldat „mit Rommel in der Wüste“ gewesen sei. Heute spricht er nur noch ungern von dieser Zeit. Einige seiner Frontkameraden haben den Afrika-Feldzug inzwischen als Touristen wiederholt. Seit 1956 lebt Hannelore nun mit ihrem Mann in Hof. Die Grenze zur DDR hat sie stets akzeptiert und ihren Besuchern gern die Wachtürme gezeigt. In Hölle war es besonders schön; zwischen Fels und Tal waren die Grenzer sehr gut zu sehen. Die Gewehre geschultert, hatten die Uniformierten ein interessantes Bild abgegeben. Bei ihrem Anblick durchströmte sie jedes Mal ein Glücksgefühl – sie war dankbar, im Westen und in Freiheit zu leben.
Verwandte im Osten hatte sie nicht. Nur eine Freundin in Weimar, die vor dem Mauerbau zweimal zu Besuch gekommen war. Hannelore hatte gehofft, dass die Freundin im Westen bliebe. Doch die Freundin wollte nicht, sie hatte ihre Mutter drüben. In den 70ern besuchte Hannelore die Freundin einmal in Wei-mar. Damals befand sich in Töpen die Autobahngrenzstation. Sie selbst war unter den Augen der Beobachtungsposten zu Fuß durch den „toten Streifen“ gelaufen und hinter der Grenze in einen Bus gestiegen. Hannelores Mann war zu Hause geblieben. Zusammen wollten sie nicht nach drüben. Schließlich hätten die im Osten ja ständig vermutet, jeder Mann seines Alters sei bei der SS gewesen. Ihr Mann sei natürlich nicht bei der SS gewesen, doch habe er sich nicht unnütz in Gefahr begeben wollen.
Nach der Grenzöffnung 1989 hatte sich eine endlose Autoschlange in Bewegung gesetzt. Auf einmal fand man in Hof keine Parkplätze mehr. Viele Besucher wären damals am liebsten gleich dageblieben. Sie kauften alles, was für sie erschwinglich war. Wahrscheinlich aus Furcht, die Grenze zum Westen werde jeden Moment wieder dicht gemacht. Hannelore mutmaßt, die Hofer hätten ein bisschen von der Wende profitiert. Viele Verkäufer verscherbelten damals ihre Ladenhüter. Plötzlich liefen alle in Jeans durch die Stadt. Hannelore verteilte an die Ostler Bonbons: „Vor lauter Freude, dass nun an der Grenze keine Menschen mehr erschossen wurden.“ Vor der Wende hing am tschechischen Grenzübergang lange Zeit eine russische und eine tschechische Fahne, erinnert sich Hannelore. Früher waren Panzerrohre auf den Westen gerichtet, heute stehen Prostituierte hinter der Grenze an der Landstraße.
Vor einigen Jahren zeigte Hannelore ihrer Tochter das Haus in Saaz. Unterwegs durfte man nur bestimmte Straßen benutzen. Der Anblick ihrer Geburtsstadt war für Hannelore deprimierend. Die Häuser derart heruntergekommen und der Heimatort völlig verwahrlost! Hannelore gibt den Zigeunern die Schuld daran; die hatten sich in den Häusern der Vertriebenen „eingenistet“. Drei Millionen vertriebene Deutsche, so Hannelore, ließen sich schließlich nicht durch Zigeuner ersetzen.
Früher lebten in Saaz auch viele Juden. Die meisten sollen ja dann später nach Südamerika gegangen sein. Aber einige habe man wahrscheinlich eingesperrt. Hannelore meint, dass die Sache mit den Juden heutzutage sehr übertrieben wird. Wer was gegen Juden sagt, sei doch sofort weg vom Fenster. Was hätten sie damals schon von Hitler gewusst! Anfangs besaßen die Eltern nicht mal ein Radio, den Volksempfänger hätten sie erst später bekommen. Die meisten Deutschen wussten doch damals auch nichts Genaues. Aber dann fällt ihr die Bücherverbrennung auf dem Ringplatz ein und wie ein Mädchen aus der Nachbarschaft verhaftet worden war, weil sie ein paar Bücher aus den Flammen geholt hatte.
Zwischen Tschechen und Deutschen macht Hannelore heute keine besonderen Unterschiede. Zur Not kann sie sich sogar mit ihnen verständigen, wenn auch nur ungern! Die Tschechen seien jetzt alle sehr freundlich. Ihrer Ansicht nach habe die Bevölkerung wegen der Vertreibung immer noch ein schlechtes Gewissen.
Hannelores Töchter waren schon überall. In Frankreich, Italien und in der Schweiz kennen sie sich bestens aus. Nur in Deutschland nicht. Die DDR und das Sudetenland sind für sie nur weiße Flecke auf der Landkarte gewesen. Saaz und andere alte deutsche Städte haben ihre Töchter nie interessiert, und Hannelore ist froh, dass sie inzwischen wenigstens bei den Kreidefelsen auf Rügen waren. Hannelores Enkel ist mit der Waldorfschule drüben in Böhmen gewesen. Tschechisch versteht er nicht. „Wegen sieben Millionen Tschechen muss man ja nicht gleich Tschechisch lernen“, so Hannelore. Dass die sieben Millionen einen eigenen Staat hatten, findet sie auch heute noch reichlich übertrieben. Ihr gefiel, dass nach 1937 die Grenze verschwunden war und man plötzlich nach Herzenslust durchs Gebirge wandern konnte. Hannelore wünscht sich „die alte Freiheit“ zurück. Heute setzt Hannelore auf das vereinte Europa.
23.03.2003/Karl (66) Architekt
/ „Hier spricht Heiner Gautschi aus New York.“ In der Nazizeit wurde die Stimme aus Amerika zu Hause nur heimlich gehört und das Radio sogleich leise gestellt. Nebenan lebte der Hauseigentümer. Der war Nazi. Einmal, sagt Karl, im Jahre 1942, waren zwei fremde kleine Kinder über Nacht in der Wohnung seiner Eltern versteckt. Er selbst war damals fünf Jahre alt. Am nächsten Morgen waren die beiden über die Grenze geschleust worden. Karls Vater, der gerade auf Fronturlaub war, hatte seinem Schweizer Freund P. M. bei der Rettung der jüdischen Kinder geholfen.
P. M. war es auch gewesen, der dem Vater behilflich war, als die Schweizer nach Hitlers Machtergreifung die Grenze schlossen. Anfang der 30er Jahre hatte Karls Vater sich als junger Architekt mit seiner Frau in der Nähe der Schweizer Grenze niedergelassen. Seinen ersten Auftrag erhielt er von einem Züricher Ehepaar. Den Bauplan reichte er seinem Schweizer Freund P. M. in der Kreuzlinger Straße über den Grenzzaun. Karls Vater selbst bekam die Baustelle nie zu Gesicht. Erst zwei Jahre nach dem Krieg nahm er schließlich doch noch die Villa in dem Züricher Vorort persönlich in Augenschein.
Nach diesem ersten Auftrag fand der Vater eine Anstellung bei Ganter und Piccard. Erst vor kurzem hat Karl erfahren, dass der Architekt Piccard im Konzentrationslager umgekommen ist. Eigentlich war er überzeugt gewesen, dass Piccard die Flucht ins Exil gelungen war. Mit seinem Vater hat Karl wenig über die Vergangenheit gesprochen und – aus Schonung – auch keine Fragen gestellt. Doch Karl meint zu wissen, dass der Vater sehr erleichtert war, als „die sechs Jahre währende Geisterstunde“ ein Ende hatte. An jenem 26. April 1945 hatten sie gemeinsam im Garten gesessen, da sprach es sich überall wie ein Lauffeuer herum. Die Franzosen sind da. Karl rannte auf die Dorfstraße. Sein Vater aber blieb mit der Mutter im Garten zurück. Die Franzosen kamen zu Pferde und mit Turban auf dem Kopf. Ein Bild wie aus 1001 Nacht! Die Franzosen auf dem Schimmel stammten aus Marokko, das damals noch eine französische Kolonie war. Seit seinem achten Lebensjahr dachte sich Karl: „Wenn der Feind so prächtig daher kommt, kann er eigentlich nicht so schlimm sein.“ Konstanz wurde von der ersten französischen Armee kampflos besetzt. Die Kinder knüpften zu den Soldaten leicht Kontakt, die nicht selten nur um zehn Jahre älter waren als sie. Karl und seine Freunde hielten sich gern in der Nähe der Feldküche auf, wo es für sie Pellkartoffen und manchmal sogar Schokolade oder süße Kondensmilch aus Tuben gab. Später hörte er, dass die Bevölkerung von den Soldaten drangsaliert worden sei. Kurz nach dem Krieg passierte er mit dem Vater zum ersten Mal den Grenzübergang in der Kreuzlinger Straße. Da, wo Anfang der 30er P.M. den Bauplan des Vaters in Empfang genommen hatte. Es war, wie wenn man ein Bilderbuch aufschlägt und eine wunderschöne Wiese mit Schmetterlingen sieht. Plötzlich sei er selbst durchs Bilderbuch spaziert: Auf der anderen Seite sah alles picobello aus. Die Straßen hatten keine Schlaglöcher. Die Autos glänzten vor Sauberkeit. Selbst die Natur war wie blank geputzt. Elegante Frauen trugen Strümpfe mit Naht. Es sei ein Unterschied wie Tag und Nacht gewesen; die Läden vom Boden bis zur Decke mit Waren voll gestopft, die Schaufenster aus Klarglas – kein Tarnglas wie in Deutschland. Karl hat in Erinnerung, wie er mit seinem Vater in der Sonne auf der Parkbank saß und zum ersten Mal eine Orange aß. Er biss herzhaft in seine Orange und machte große Augen, als sein Vater anfing, die Frucht zu schälen.
Als er Mitte der 80er Jahre die DDR besuchte, war es für Karl wie eine Reise in die Vergangenheit. Viele Menschen kamen ihm ängstlich und duckmäuserisch vor. Als wäre die Zeit dort stehen geblieben. Doch Karl weiß aus eigener Erfahrung, wie rasch sich Verhältnisse ändern können. Drei Jahre nach dem Krieg nahmen die Franzosen in Gamaschen und vollem Ornat schon am Fastnachtszug in Konstanz teil, und wenn er es recht bedenkt, fährt er bis heute am liebsten nach Frankreich.
19.09.2004/Hikmet (27) Kinobetreiber
/ Bei dem Thema „Grenze“ muss Hikmet immer zuerst an seinen Vater und seinen Onkel denken, die 1961 die Türkei verließen, um im Ausland ihr Glück zu versuchen. Hikmet erzählt, die Brüder seien durch den Bosporus von Asien nach Europa geschwommen, denn die beiden hätten sich das Ticket für die Brücke damals nicht leisten können. Hikmet wurde in Westberlin geboren. Als er Kind war, fuhr die Familie jedes Jahr mit dem Auto in die Türkei, wo sie gemeinsam den Sommer verbrachte. Westdeutschland kannte er nur von der Durchreise. Hikmet erinnert sich, dass sie bis zur türkischen Grenze wie Sch… behandelt wurden. Selbst in Bulgarien! An der Grenze zur Türkei hätten sie mit dem Auto immer durch ein flaches Becken mit Desinfektionslösung fahren müssen. Nicht nur der Dreck an den Autoreifen – alles Fremde hätte draußen bleiben sollen.
Hikmets Leben in Deutschland spielte sich lange Zeit ausschließlich in Westberlin und da auch nur in Kreuzberg ab. Seine Eltern wohnten mit ihm und den sechs Geschwistern in einer Eineinhalbzimmerwohnung an der Oberbaumbrücke. Als Junge spielte er oft an der Mauer, wo ihn die Amerikaner manchmal auf den Wachturm ließen, und in der Mariannenstraße gab es einen Aussichtsturm, von dem man ebenfalls einen guten Blick über die Mauer hatte. Er winkte den Ostlern zu und staunte, dass da niemand zurückwinkte. Hikmet wusste nie, was von den Leuten auf der anderen Seite zu halten war. Bald seien sie ihm ein bisschen arrogant vorgekommen, bald habe er gehofft, sie seien nicht so eingebildet wie die Kreuzberger, von denen sich Hikmet immer als etwas „Niederes“ behandelt fühlte. Ein schlimmer Zwischenfall an der Oberbaumbrücke ist ihm bis heute in Erinnerung geblieben. Er wisse nicht mehr, wann es geschah, sondern nur dass alle vor Entsetzen außer sich waren. Ein sechsjähriges Kind aus ihrer Nachbarschaft war beim Spielen in den Kanal gefallen und vor den Augen seiner Eltern untergegangen. Das Wasser gehörte zum „Ost-Sektor“. Die Eltern hatten um Hilfe geschrien, aber die Grenzer aus der DDR halfen nicht. Das Nachbarkind wurde erst tot aus dem Kanal geborgen.
Im November '89 war Hikmet 14. Am Tag nach dem Mauerfall lief er zur Oberbaumbrücke und beobachtete den Menschenstrom, der sich in Richtung Kreuzberg bewegte. Er wollte mit jemandem seine Begeisterung teilen, doch die Deutschen ignorierten ihn und liefen immer nur auf die Deutschen zu. Da blieb er am Rande stehen und schaute bloß von weitem zu. Mit 16 hatte er eine Freundin, deren Mutter zur Ostberliner Szene gehörte, die sich zwischen Tacheles und Aktionsgalerie in Mitte bewegte. Hikmet, der in jener Zeit viele Probleme mit seinen Eltern hatte, verbrachte jede freie Minute dort. Die Ostberliner kamen ihm viel offener vor. Ständig lernte er andere Leute kennen, schloss neue Freundschaften. Hikmet fühlte sich von den Deutschen zum ersten Mal richtig ernst genommen. In Westberlin hätten immer nur Grüne oder Pädagogen sich auf Gespräche mit jungen Türken eingelassen.
Auf der anderen Seite habe er in Ostberlin ziemlich kranke Sachen erlebt. Anfang der 90er wurden Hikmet und seine Freunde oft von Faschos gejagt. Hikmet wollte sich nichts gefallen lassen. Als seine Freundin bedroht wurde, sei es zu einer bösen Schlägerei gekommen. Ein Jugendgericht verurteilte ihn, weil er den Rechten „komareif poliert“ hatte. Hikmet, der zwei Jahre Bewährung bekam, sollte in einem sozialen Projekt eine Ausbildung zum Tischler machen. Er erzählt, dass in dem Projekt auch ein paar rechte Jugendliche aus Ostberlin waren, die ihn „psychologisch kaputt“ machen wollten. Eigentlich wäre er lieber in den Knast gegangen. Manchmal habe er einen großen Hass in sich gespürt. Die Kanakensprüche und Pöbeleien hätten ihn sehr aufgebracht. Doch Hikmet war vom Gericht dazu verurteilt worden, mit jedem auszukommen, egal ob er rechts oder links, aus dem Osten oder dem Westen war.
Jacqueline (23)
Beiköchin (arbeitslos) » Görlitz D/PL
/ Nach der Schule hat Jacqueline in ihrem Geburtsort Görlitz gearbeitet und in einer Kantine Soljanka gekocht und Brötchen geschmiert. Dann wurde sie arbeitslos. Mutter und Schwester haben auch keine Arbeit. Der Vater ist 50 und seit er Krebs hat, ebenfalls zu Hause. Jacqueline sagt, hier haben viele das Leben satt.
Jacqueline war noch nie im Ausland, außer in Zgorzelec zum Einkaufen. Im polnischen Realmarkt sei das Fleisch billig, doch sie fürchtet, wenn die Grenze fällt, wird es gar keinen Ort mehr geben, wo man noch günstig einkaufen kann. In Zgorzelec fühlt sich Jacqueline etwas fremd. Sie versteht die Sprache nicht. Hier grüßt man sich nicht. In Görlitz werde immer „Guten Tag“ gesagt. Aber wenn sich Jaqueline in Zgorzelec die Leute ansieht, denkt sie, dass es unter den Polen bestimmt auch nette Leute gibt. Sie selbst habe keinen Hass auf die Polen. So lange ihr niemand etwas zuleide tue. Wahrscheinlich hätten die Leute in Zgorzelec genauso viel Angst vor den Görlitzern, wie umgekehrt: „Man kennt sich zu wenig.“
Polen wäre zu Hause nie Thema gewesen. Über Politik hätten die Eltern sowieso nie gesprochen. Von der DDR hat sie gehört, dass das Leben da auch schwierig gewesen sei. Aber wenigstens hatte da jeder Arbeit, und zu Weihnachten hat es so viel Stollen gegeben, dass einem am Ende der Appetit verging. An den Mauerfall hat Jacqueline keine Erinnerung mehr. Von den Eltern weiß sie, dass man bei seinem ersten Besuch im Westen 100 Mark geschenkt bekam. In den 90ern war sie bei der Oma in Göppingen, die ihr zu Weihnachten und zum Geburtstag immer ein Paket geschickt hatte, seitdem sie im Westen lebte. Jacquelines Vater arbeitete als Hausmeister in der Turnhalle und wollte nie rüber. Nach der Wende brauchte man dort keinen Hausmeister mehr. Er hat sich trotzdem nicht von seiner Turnhalle getrennt und lebt bis heute in der Hausmeisterwohnung. Vielleicht, weil Oma dort früher um die Ecke gewohnt hatte, bevor sie dann mit der Schwester in den Westen ging.
In Görlitz, sagt Jacqueline, sieht man viele Ausländer – „Fitschis“ zum Beispiel. Sogar ein paar „Neger“ lebten hier. Aber leider gäbe es zwischen Deutschen und Ausländern dauernd Kabbeleien. Jacqueline findet, dass man sich gegenseitig am besten in Ruhe lassen sollte und dass Menschen Menschen sind. Wenn sie einmal ins Ausland fährt, möchte sie auch nicht gefragt werden, was sie denn dort verloren habe. Ihr Freund war noch nie im Ausland. Die beiden sind schon acht Jahre zusammen. Jacqueline würde am liebsten nach Mallorca fahren. Auf der Insel soll alles ganz anders sein. Selbst Strand und Sonnenuntergang! Jacqueline träumt von einer wunderbaren Hochzeitsreise, einer Trauung in weißem Kleid und weißem Schleier.
Jes (69)
Bauer » Jardelund D/DK
/ Im Krieg war Jes noch ein Kind, und seine erste Erinnerung an die Grenze hinterm Haus ist die an Stacheldraht und Scheinwerfer. Jes erinnert sich, wie eines Tages ein Bus mit Dänen durch das Dorf fuhr. Die Dänen kamen nicht freiwillig. Sie waren Zwangsarbeiter. Unter Hitler gab es das Lager in Lagelund, wo Jes' Uroma damals lebte. Aus ihrem Fenster sah er, wie die Häftlinge durch den Ort getrieben wurden. Die Häftlinge bauten Panzergräben, und wenn sie nach der Plackerei ins Lager mussten, wurden sie von den Wachmannschaften beschimpft, geprügelt und getreten. Jes hat die Bilder bis heute im Kopf.
Als er elf war, kam Jes mit der Hand in die Häckselmaschine und verlor bei dem Unfall einen Finger. Das Lazarett im dänischen Tönnern hat er als reinstes Schlachthaus erlebt. Als einziges Kind unter 14 schwer verwundeten Soldaten war Jes geradezu froh, nur einen Finger verloren zu haben.
Seine Frau hat ihm von ihrem Onkel erzählt, der als Wehrmachtsoldat in Dänemark gewesen war. Nach dem Krieg wollte er – in Zivil – wieder in sein Dorf zurück. Aber kaum hatte der Onkel mit dem Fahrrad die Grenze überquert, wurde er von den Engländern festgenommen, die ihn und sein Fahrrad auf dem Panzer abführten. Nach dem Krieg war die Grenze erst einmal dicht. Jes' Mutter traf das besonders schlimm. Sie war Dänin, und solange sie nicht hinüber durfte, sah sie ihre Verwandten nur hinter dem Schlagbaum. Später nahm sie den Sohn mit auf Besuch zu einer Tante in Dänemark. Heute fährt Jes nur noch zu runden Geburtstagen hinüber. Seine Kinder und Enkel nimmt er nie mit. Jes' Eltern hatten zu den Dänen noch den besten Kontakt, doch durch den Krieg sei man sich fremd geworden, und sowieso sind die meisten alten Nachbarn inzwischen in die Stadt gezogen.
In den 70ern hatte Jes gleich hinter der Grenze Boden gepachtet. Das Vieh brachten sie jedes Frühjahr nach Dänemark, und im Herbst wurde es wieder von dort abgeholt. Erst durften nur die Sterken hinüber, dann ließ man ihn auch mit den Milchkühen durch. Seine 60 Kühe hat Jes aber nicht etwa durch den Schlagbaum, sondern Tag für Tag über die benachbarte Wiese getrieben. Das änderte sich erst Ende der 90er, als die Dänen aus Angst vor drohender Maul- und Klauenseuche wieder die Stacheldrähte aufstellten.
Die Grenzöffnung nach dem EU-Beitritt Dänemarks 2001 haben sie in Jardelund groß gefeiert. Endlich kamen die Schlagbäume weg, die vorher alle naselang auf- und zugesperrt wurden. Heute fragt Jes sich manchmal, wo eigentlich all die Grenzer hin sind, die hier früher Wache gestanden haben. Er selbst hat das Land in Dänemark inzwischen aufgegeben. Schließlich besitzt er in Jardelund noch genug. Zuletzt störte es ihn immer mehr, dass man als Deutscher bei jeder Kleinigkeit von den Dänen angezeigt wurde. „Wahrscheinlich kommt der Hass noch von Hitler und dem Krieg. Der Däne mag uns nicht. Er mag nur unser Geld.“ Mit den Holländern, die sich in den letzten Jahren als Bauern in Dänemark niedergelassen haben, hätten die Dänen zwar auch Probleme. Aber irgendwie würden sie sich mit den Holländern immer leichter einig.
Bernd (51)
Bürgermeister (arbeitslos) » Liebenrode D/D
Früher war Bernd als Soldat der Nationalen Volksarmee an der deutsch-deutschen Grenze stationiert. Heute ist er in seinem Heimatort Bürgermeister. Als Grenzer sah er es als seine Aufgabe an, für Ordnung und Sicherheit zu sorgen, was bedeutete, die Grenzordnung konsequent durchzusetzen. Da hieß es:
1. Personen- und Fahrzeugverkehr unter Kontrolle halten
2. Ungesetzlichen Grenzübertritt verhindern
3. Eingriff von Westen unterbinden
Bernd habe die Schusswaffe nie anwenden brauchen und auch nicht erlebt, dass jemand neben ihm die Schusswaffe habe gebrauchen müssen. Er sagt, im Falle eines Grenzübertritts habe die Vorschrift gegolten:
1. Durch Zuruf den Weg abschneiden
2. Warnschuss geben
3. Bewegungsunfähig schießen
Bernd selbst sei von drüben nie mit dem Tagesgruß angesprochen worden, auch kann er sich nicht daran erinnern, dass jemals jemand versucht hätte, mit ihm Blickkontakt aufzunehmen. Ihm fällt eine Episode aus seiner Zeit als Grenzer ein. Einmal ist dem Diensthundeführer der Hund durchgegangen. Um das Tier zurückzuholen, musste sein Besitzer über die Grenze aufs andere Territorium. Drüben hatte man gleich versucht, ihn zum Dableiben zu bewegen. Aber der Diensthundeführer wollte nicht, er wollte nur den Hund zurück.
Später wurde Bernd Grenz-Abschnittsbevollmächtigter. Aus dieser Zeit ist ihm noch gegenwärtig, dass man sich damals in der Kneipe häufiger mit den Worten „… und jetzt haue ich ab!“ verabschiedete. Prompt wurde die Grenze dicht gemacht. Einmal rief sogar jemand die Polizei. Als der Mann von der Kneipe heimkam, fand er zu seiner großen Verwunderung das Haus von Polizisten umstellt.
In dem Winter, als die Grenze vermint wurde, seien viele Minen wegen der Kälte von selbst hochgegangen. Manchmal bis zu 60, 70 in einer Nacht. Aus Unachtsamkeit gab es bei den Grenzpionieren manchmal auch Unfälle, doch Bernd entsinnt sich nicht an einen einzigen Fall von Minenverletzung durch versuchten Grenzdurchbruch. Schließlich hätten die Flüchtigen ja nur den Wasserläufen oder den Wildwechseln folgen müssen. In den Westen reisen durfte Bernd nicht, wohl aber seine Frau. Diese Einschränkung war für ihn selbstverständlich. Als Abschnittsbevollmächtigter hatte er über jeden, der eine Reise nach drüben beantragt hatte, eine schriftliche Beurteilung abzufassen. In die Beurteilung hätte er jedoch nur hineingeschrieben, was bereits anderswo gesagt oder aufgezeichnet worden war. Einer der Antragsteller würde ihn bis heute nicht angucken. Dabei hätte er nur den versuchten Grenzdurchbruch des Schwiegersohns erwähnt, der im Dorf längst ein offenes Geheimnis war. Ein anderer war Kreistagsmitglied. Auch dieser Umstand wurde von Bernd in der Beurteilung vermerkt. Dass der Mann deshalb nicht reisen durfte, steht für Bernd jedoch auf einem anderen Blatt. Ihn hätte es nie gestört, wenn sich jemand mit seinen Verwandten aus dem Westen treffen wollte. Er hielt es nur jedes Mal in seinen Unterlagen fest. Die Unterlagen wurden danach automatisch ans Ministerium für Staatssicherheit weitergeleitet. Die Konsequenzen waren unterschiedlich. Als Grenz-Abschnittsbevollmächtigter nahm Bernd regelmäßig an Sicherheitsberatungen teil. Mit von der Partie waren der Parteisekretär, der Bürgermeister, das Grenzsicherheitsaktiv und der Volkspolizeihelfer.
Bernd erwähnt die „Aktion Kornblume“. Während dieser Aktion wurden Dorfbewohner ausgesiedelt, die nach Meinung der staatlichen und Parteifunktionäre nicht länger im Grenzgebiet leben durften. Bei den Aussiedlungen handelte es sich oft um harte Entscheidungen. Bernd hat nie die allein erziehende Frau mit den zwei halbwüchsigen Töchtern vergessen. Die Frau wollte um keinen Preis ausgewiesen werden. Gebettelt und geweint hätte sie. Im Raum waren 60 Polizisten versammelt. Niemand stand ihr bei. Auch er hätte kein einziges Wort zu ihrer Verteidigung herausgebracht. Die Gründe für die Aussiedlung seien ihm unbekannt gewesen, doch insgeheim habe er diese Entscheidung schon damals für ziemlich ungerecht gehalten. Bernd wusste: Wer im Verdacht stand, das Grenzgebiet zur Republikflucht zu nutzen, wurde sicherheitshalber ausgesiedelt, und wer „politisch nicht tragbar“ war, ebenfalls. Manche hatten Trotz gezeigt. Die mussten raus. In Steinsee, dem Nachbardorf, sei einmal jemand wegen Körperverletzung an die Ostsee ausgesiedelt worden. Der eine oder andere wurde auch aus Neid von seinem Nachbarn denunziert, erinnert sich Bernd. In so einem Fall hätte man sich an den Bürgermeister oder Parteisekretär, den Abschnittsbevollmächtigten oder hauptamtlichen Stasi-Mitarbeiter gewandt. „Aber nicht jede Denunziation führte zum Erfolg.“
Nach der Wende ging Bernd in die Kommunalpolitik, saß mit am Runden Tisch. Bei der letzten Gemeinderatswahl erhielt Bernd die zweitmeisten Stimmen.
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Helga Kurzchalia + Ulrike Brückner, Berlin
Preis: 38,00 €
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Kontakt:
Ulrike Brückner
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Fotos (Website) Julia Lembeck